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Blau getöntes Foto einer Frau mit kurzen hellen Haaren, die nach oben blickt, auf weißem Grund mit blauen Pinselstrichen; darüber in Rot „BUSCH“ und kursiv „entsetzlich“
Blau getöntes Foto einer Frau mit kurzen hellen Haaren, die nach oben blickt, auf weißem Grund mit blauen Pinselstrichen; darüber in Rot „BUSCH“ und kursiv „entsetzlich“

Entsetzlich

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Entsetzlich

Der Spiegel (Nr. 41, 07.10.1996)

Deutsche Musiker beklagen gern und regelmäßig, Fremde besetzten die Hitparaden und heimische Radiosender ignorierten den Nachwuchs. Der Musiker Mika Kreuder klagt nicht. Er hat gerade unter dem Namen Busch ein Debüt-Album veröffentlicht, das „Entsetzlich“ heißt, aber umwerfend gut gelungen ist. „Ich bin auf niemandes Seite, denn niemand ist auf meiner“, singt er da, „ich bin auf niemandes Seite, jedenfalls nicht auf deiner.“ In elf Stücken erzählt der Bursche – untermalt von Gitarre, Baß, Schlagzeug und Streichern – Geschichten über Mädchen und das Leben: „Ist es nicht entsetzlich, wenn man so jung und schon so häßlich ist?“ Nun geht der 28jährige Eigenbrötler auf Tournee, um endlich ins Radio und in die Hitparaden zu kommen. Ärgern wird das allenfalls ein paar englische Musiker, die unter dem täuschend ähnlichen Bandnamen Bush bereits tonnenweise Platten verkaufen. Doch gegen Vorwürfe jeglicher Art wehrt sich Kreuder bereits in seinen Texten: „Ich kann tun, was ich will, ich kann gehen, wohin ich mag, dies ist mein Ende.“

Rolling Stone (Ausgabe 12/1996)

(**** Sterne)

Juvenile Leiden in Deutschland, einmal mit Schmelz, einmal mit Schmiß. Abgeklärte, durchtriebene Gefühligkeiten von Männern, die schon mal jünger waren und gar keine Wut mehr im Bauch (oder sonstwo) haben und anders als Blumfeld, anders als selbst Tocotronic gegen nichts protestieren. Die neue Romantik! Rein zufällig aus der romantischen Kapitale Hamburg im einen Fall das Label, im anderen die Musiker.

Busch sind eine Band, die mit den anderen, den rockenden Bush aus England nichts verbindet. Busch ist das Projekt des Herrn Kreuder, der in schöner Tradition auf den Vornamen verzichtet, verzwickt-grandiose Arrangements für Pop-Quartett und Streicher schreibt und kryptische, kopfhängerische Texte dazu. Die Maxime lautet: „Ich bin auf niemandes Seite / Denn niemand ist auf meiner“, aber da gibt es immerhin „die Helens“ und „Amelies“, die das Leben nicht einfacher, aber doch leichter zu ertragen machten. So der nun doch schon ältliche Bohemien im Booklet.

Ein Morrissey-Nachfahre und Höhlenbewohner stellt sich hier vor: „Komm selbstgewählte Einsamkeit / Wir sind niemals allein hier / Denn: Wir brauchen uns nichts auszudenken / Wir sind ein recht kleiner Club hier / Wir sind kaum mehr als zwei.“ Ein bißchen sperrig zu singen zwar, aber Kreuder drängt es nicht nach vorn. Die perfekte Verfassung seiner Lieder erlaubt auch beiläufiges Hören. „Entsetzlich“ ist ein Album voll Harmonie und trägt doch den richtigen Titel: Denn der Weltschmerz, das Herzweh, die Sehnsucht lasten schwer auf dem Lebenskünstler. „…jung sein und jung bleiben / Nur einen Steinwurf von hier entfernt / Salinas ist überall.“ In Salinas, Kalifornien, beendete der Schriftsteller Richard Brautigan sein Leben, nachdem er seine Kindheit nicht mehr finden konnte.

[…]

Arne Willander

PEARL Fanzine (Hamburg)

[…] Abschliessend ein letzter Rückblick auf den Topos „Über Sex kann man nur auf englisch singen“. Seit der Debüt-EP von Busch sollte dieses Argument auf ewig und endgültig am Strassenrand verhungert sein (zumindest das „man“ gegen „ich“ vertauscht). In einem bis dato ungehörten Ausdruck, Sprachfluss und Melodiösität verschmolzen in Kreuders Songs (auch so eine schöne Tradition, diese Only-Nachnamen-Inszenierungen) Worte und Musik zu einem selbstverständlichen Ganzen. Nun ist mit „Entsetzlich“ (Marsh-Marigold) der erste Longplayer von Busch erschienen, und trotz aller Euphorie und bestehender Gültigkeit des Gesagten braucht diese Platte mehrere Anläufe. „Ein echter Grower“, wie man gerne zuvorkommend für „hätte besser sein können“ sagt. Sicherlich spielt der Wegfall der Überraschung mit hinein, der grosse, schwere Erwartungen aufgebaut hat, „Entsetzlich“ enttäuscht keineswegs inhaltlich – trotzig wohliger Weltschmerz still galores. „Ich bin auf niemandes Seite, jedenfalls nicht auf deiner!“ Das Problem dieser Platte liegt im Gewagtabernichtganzgewonnen. Busch war bisher ein Ein-Mann-Projekt, Kreuder und die Japaner. Für „Entsetzlich“ hat er sich seine schmerzlich erprobte Liveband geschnappt und noch ein paar Streicher dazu. Die so veränderten Produktionsbedingungen litten leider unter etwas widrigen Umständen, wo vieles zu schnell oder zu ungeduldig entschieden werden mußte. Der Tod eines jeden Perfektionismus, von dem gerade die Arrangements früherer Aufnahmen von Busch lebten. Bestes Beispiel ist der Opener „Helen weiss das auch“, bei dem ich das Glück oder Pech habe – wie man's nimmt –, eine ältere Demoversion zu kennen. Auf „Entsetzlich“ stolpert der Song überstürzt in die Strophe hinein, wird aber glücklicherweise rechtzeitig von dem treibenden Baß aufgefangen. Das Herzblut des Streicherensembles verfehlt ebenfalls nicht seine Wirkung. Das Schlagzeugspiel wirkt angenehm leicht. Und doch vermisst man die volle, große Produktion des „Demos“. Ein Zwiespalt, der sich mit wiederholtem Hören (beim Autor im speziellen noch vermischt mit dem massiven Eindruck der Livepräsentation) langsam schließt, wenn die Songs ein Eigenleben beginnen jenseits der Konkretheit der Aufnahmen, und man im Detail einen bestimmten Charme entdeckt. Etwa die betonte Widerspenstigkeit, in der Kreuder erklärt: „Hey, hey, daraus wird nichts, ich duelliere mich nicht mit dir, denn es wäre schade um mich, amüsier dich allein, ich will nicht.“ Oder der Live-Hit „Nahezu nein“, bei dem Tom Liwa eine genial verbockte Knarzgitarre beisteuert. („Kampf dein Großkapital! Das gehört nicht zu unserem Vokabular. Er weiß ganz genau, daß man nicht mit Farbe auf fremde Wände schmieren soll.“) Die subtil eingesetzten Stimmeffekte bei „Ungeduldig bis zuletzt“. Sucht selber. Man vergißt langsam die flachbrüstige Jangeligkeit, an der diese Platte ein wenig krankt, und saugt die fantastische Kraft und Atmosphäre auf, die in Kreuders Songs steckt.

„Um eins gleich klarzustellen, hier wird nicht gebrüllt.“ (Kreuder beim üblichen „Kannste-nicht-was-lauter-singen“-Mixer-Sänger-Kampf während des Soundchecks im Frankfurter Dreikönigskeller)

Happy To Be Sad Fanzine (04/1996)

Weiß gar nicht mehr genau, wie lange diese CD nun schon angekündigt war. BUSCH existiert ganz allein aus Mika Kreuder. Der erste der sechs Songs beginnt mit Schreibmaschinengeklappere, dann setzt der Drumcomputer ein und die Gitarren erklingen. Mika fragt in „Woher, Wohin“ – Kennst du mich noch? Weißt du, wer ich bin? Nach einer Instrumentalnummer folgt mit „Honigdiebe“ der erste Höhepunkt dieses Tonträgers. Wahrscheinlich hätte ich mit Bernhard letztens in Mainz noch endlos weiter darüber diskutieren können, was Mika nun veranlaßt hat, dem Stück solch einen Titel zu setzen, zu einem Ergebnis wären wir mit Sicherheit auch nach Stunden nicht gekommen. Auch wenn's einige anders sehen, für mich hat das alles hier doch 'ne Menge von den SMITHS. Nicht die Art, Mikas zu singen, eher die Stimmung der Songs im Ganzen. Der Satz – „Und fragt, ob ich gebunden sei, so dumm zu fragen, lass das sein“ – kommt wirklich gross und wäre mir auch gerne eingefallen. „Angeklagt des Totschlags an der schönen deutschen Sprache“ singt er in „Angeklagt“, dessen Einstieg mich ziemlich stark an „You Should All Be Murdered“ erinnert. „Ich nehme jedes Urteil an, weil es nicht schlimmer kommen kann.“ Der königliche Abschluss folgt nun mit „Muede“. Zeilen wie „Du wirst nicht zurückkommen, wirst du?“ … „Lauf, rette die Welt (…oder wenigstens uns)“ machen mich, auf merkwürdige Art, betroffen. Warum eigentlich?

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